Grindknight vs. Katharina Zipser: Das Laufduell (Teil 3, Grand Finale)

Ich laufe also los. Viereinhalbmal um einen Acker drum rum soll’s gehn, bisschen Schotter aber meistens Asphalt, und das alles bei strahlendem Sonnenschein, das müsste doch zu schaffen sein. Ich leide zwar noch immer unter dem Schock meines Fast-Zu-Spät-Kommens, blicke aber konzentriert auf den Zopf vor mir. Das wird die Zipser sein, bin mir fast sicher – aber eben nur fast. Und von Sekunde zu Sekunde werde ich weniger und weniger sicher, denn der Zopf, samt Kopf- und Körperzubehör, wird vor meinen Augen mit jedem meiner Schritte ein Stück kleiner. Eine ganze Menge Köpfe und Körper werden immer kleiner, stelle ich mit einiger Verstörung fest. Aber wurscht, hab ja noch Reserven, muss halt a bissi anziehn mit dem Tempo, auch wenn’s wehtut. Ich geb also Gas und schau auf meine geliebte, schicke, rote Polar M400 Pulsuhr, die bei keinem Lauf fehlen darf. Ich schlucke innerlich und frage mich, ob sie bei diesem Lauf nicht vielleicht doch hätte fehlen dürfen, denn sie zeigt mir einen demoralisierenden Puls von 190, was relativ verdammt hoch ist –  und immer noch weigern sich die Köpfe vor mir, größer zu werden. Groß sind nur noch jene, die immer wieder an mir vorbeizischen, aber auch die werden rasch wieder kleiner. Es hilft nichts, ich beschließe zu verlangsamen, um den Puls zu senken. Denn wenn ich so weitermache, klappe ich womöglich noch zusammen, und den Vorfall hatten wir ja schon im Frühjahr beim Leifers Trail. Nochmal muss echt nicht sein.

Doch siehe da, Licht am Horizont! Hundert Meter weiter vorn am Streckenrand stehn vier oder fünf Kinder mit Wasserbechern in den Händen, die sie den keuchenden Läufern und Läuferinnen entgegenstrecken. Ein Frischeschock ist vielleicht genau das, was ich brauche, um endlich zur Höchstform auflaufen zu können und das Ruder rumzureißen. Mit fuchtelnden Händen bedeute ich den Kids schon von einiger Entfernung, sie mögen mir das Gesöff nicht in die Hand drücken, sondern lieber direkt ins Gesicht schütten. Einige zögern noch als ich näherkomme, aber zumindest drei scheinen meine Anweisung korrekt interpretiert zu haben und folgen ihr mit Freuden. Leider ist ihr Ziel jenseits von erbärmlich: Zwei Ladungen gehn voll daneben, eine klatscht mir immerhin auf die Brust. Besser als nichts, aber nicht genug, um mich wirklich zu beschleunigen. Und der Puls ist immer noch weit höher als mir lieb ist. Nie mehr nehm ich die blöde Pulsuhr mit! Am Straßenrand erspähen meine müden Augen dann noch einen Kollegen vom Laufteam, mit dem ich mittwochs meistens durchs Gelände sause. Er ist einerseits nett genug, für mich seine Flasche Sprite zu opfern, die ich ihm dankend aus der Hand reiße (und tatsächlich auch trinke!); andererseits ist er auch ehrlich genug, mir in ebenso freundlichen wie deutlichen Worten klarzumachen, dass ich mit dem, was ich hier im Moment so abliefere, nicht zwangsläufig Rekorde brechen werde.

Nach etwa einem Drittel der Strecke beginne ich also, mich langsam mit dem Gedanken anzufreunden, heute keinen Weltrekord aufzustellen. Ja ich kann bald sogar akzeptieren, dass ich entgegen aller meiner Erwartungen wahrscheinlich nicht mal Erster werden werde. Nicht anfreunden aber will ich mich mit dem Gedanken, heute Letzter zu werden. Kaum eine Schmach in einer Ergebnisliste ist, neben einem gefürchteten „DNF“ („Did Not Finish“), unter Läufern so groß wie ein „DFL“ („Dead Fucking Last“). Also, gib zumindest etwas Gummi!

Was Zipser betrifft, so glaube ich mittlerweile übrigens, dass sie vielleicht doch ihrer Erkältung wegen auf die Rennteilnahme verzichtet hat (für sie ist so ein 10Kilometerlauf eh nichts anderes als ein weiteres lockeres Training auf ihrem Weg zum nächsten Marathon). Bis plötzlich eine Gazelle auf Sprungfedern geräuschlos an mir vorbeihuscht. Nein, doch keine Gazelle – sie ist es, kein Zweifel: Katharina Zipser! War sie echt bis jetzt die ganze Zeit hinter mir? Aber was bringt’s, mir selbst was vorzumachen, sagen wir’s einfach wie’s ist, egal wie sehr es schmerzt: sie hat mich soeben überrundet. Hatte ich wirklich jemals tatsächlich auch nur eine Sekunde lang ernsthaft geglaubt, ich könne schneller laufen als sie? Nun, die ehrliche Antwort ist: Nein – und, Ja. Nein, weil ich nachweislich meiner Frau vor dem Rennen gesagt hatte, mein Ziel sei lediglich, weniger als zehn Minuten langsamer zu sein als Zipser – das ist vernünftig und mit ein bisschen Training für einen wie mich absolut im Rahmen des Erreichbaren. Und Ja, weil, nun, weil es hie und da eben verdammt nochmal einfach Spaß macht, unvernünftigen Zielen nachzuhängen! Weil es Spaß macht, Grenzen sprengen zu wollen, von denen man weiß (zumindest sobald sich die spielverderberische Vernunft einschaltet), dass sie nicht zu sprengen sind. Und hat nicht irgendein mehr oder weniger großer Geist mal sowas gesagt wie „wer nie zu hoch greift, wird die Sterne nie erreichen“?

Diesen Stern vor mir, soviel ist jedenfalls schon mal klar, erreiche ich nie und nimmer. Stattdessen flüstere ich wie automatisch: „Gib Gas!“ Und ich weiß, dass es nicht an mich selbst, sondern an Zipser gerichtet ist. Möge sie Gold holen! Ich ächze derweil in meinem Tempo weiter und bin froh erkannt zu haben, dass ich trotz meiner vergleichsweise jämmerlichen Darbietung weder frustriert noch grantig bin. Ich bin ich einfach nur: ehrfürchtig.

Ich weiß nun, denke ich mir, warum wir dazu neigen, Topathleten anzufeuern, bis wir heiser werden; warum wir uns überschlagen, wenn die Michael Phelpse dieser Welt alles an Olympiagold abräumen, was abzuräumen ist; warum wir Spitzensportler verehren, als seien sie Halbgötter. Nicht etwa, weil sie ganz einfach das und nichts Anderes sind (das wäre mein erster Gedanke gewesen). Nein, eben weil sie keine sind, sondern unterm Strich auch nur Menschen wie du und ich. Und als Repräsentanten unserer Spezies zeigen sie uns mit ihren Leistungen immer wieder, wozu ebendiese Spezies fähig ist, wenn sie nur will und wenn sie nur dranbleibt. Mit jeder neuen hundertstel Sekunde, um die ein Marathonrekord unterboten wird, feiern wir also nicht nur denjenigen, der den Rekord aufgestellt hat, sondern auch uns selbst. Wir haben das geschafft! Und was, bitte, kann ich schaffen? Nun, ich habe keine Ahnung, aber Spitzensportler können mich dazu inspirieren, es rausfinden zu wollen, ob beim Laufen oder sonstwo.

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Kaum zu glauben, aber Katharina Zipser ist nur um Haaresbreite vor mir! (Muss ja keiner wissen, dass sie mich soeben überrundet hat)
Mit derlei Gedanken im Kopf laufe ich also vergnügt und befreit weiter. Die Kinder mit den Wasserbechern haben übrigens dazugelernt, und ohne dass sie sich lange von mir bitten lassen klatschen sie mir drei vier Wasserladungen voll ins Gesicht – nicht, dass mich das eine Millisekunde beschleunigen würde, aber die Kinder scheinen wenigstens ihren Spaß dabei zu haben. Ich high-five ein letztes Mal meine Frau und meinen Ältesten, die am Straßenrand zusehen (der Jüngere war über meine Wettkampfteilnahme dermaßen aufgeregt, dass er gleich nach dem Start im Kinderwagen eingeschlafen ist), und sehe die Ziellinie. Der amerikanische Amateurextremläufer Corey Reese beschreibt in seinem extrem unterhaltsamen (und für mich für dieses Rennen prophetischen) Buch Nowhere Near First seine Gewohnheit, jedes Rennen mit einem Sprung über die Ziellinie zu beenden, egal wie erschöpft er ist. Das kann ich auch, sage ich mir, und unter dem tosenden Geschrei der begeisterten Menge (will heißen, unter dem müden Schweigen der gelangweilten drei vier Leute, die da rumstehn) springe ich und es ist vollbracht!

Und das Fazit? Nun, ich habe gelernt, dass ich mit meiner Zeit von 50:30

a) um einiges langsamer war als beim Innsbrucker Stadtlauf im Jahr zuvor (46:48)

b) mein bescheidenes Ziel, weniger als 10 Minuten langsamer zu sein als Katharina Zipser um über eine Minute verfehlt habe (mit 39:01 wurde sie Zweite hinter Karin Freitag)
c) in der Gesamtwertung der Herren zwar nur auf Platz 47 von 52 gelandet bin, aber immerhin auf  Platz 13 in meiner Altersklasse, bei immerhin 13 Teilnehmern von wegen also „DFL“!

Und noch etwas habe ich wohl gelernt. Es mag tatsächlich so etwas sein wie Bescheidenheit, ja vielleicht sogar: Demut. Die Zipser schlagen wollen, haha! Bleiben wir doch lieber am Teppich und schalten in Sachen Ambitionen künftig vielleicht doch den ein oder anderen Gang runter. Laufen soll ja vor allem Spaß machen, nicht? Warum sich also durch überhebliches Konkurrenzdenken das Leben selbst schwerer machen als notwendig? Vielleicht melde ich mich also beim nächsten Innsbrucker Stadtlauf ja nicht für den 10km Haupt-, sondern nur für den kleinen Genusslauf an, der mit seinen 5 Kilometern nur halb so lang ist. Wäre doch gelacht, wenn ich den wenigstens nicht locker gewinnen könnte. Sind ja eh fast nur Sonntagsläufer dabei, und, mein Gott, die paar Kenianer, die da mitmachen die mach ich platt!

Autor: grindknight

Johannes Mahlknecht hat lange Zeit Verschiedenes an verschiedenen Universitäten studiert und nebenbei sogar etwas Vernünftiges gelernt. Reimen etwa. Die Neigung zum humorvollen ebensolchen entwickelte er mit der Erkenntnis, dass Lachen hie und da recht angenehm sein kann. Im Illustrieren ist Mahlknecht auch nicht der Allerschlechteste. Zur ersten Publikation gelangte er mit vier Jahren, nachdem seine Kindergärtnerin einen von ihm ganz alleine gemalten Fisch an die Zeitung schickte, wodurch er sich sozusagen über Nacht als der "Mozart der Malerei" keinen Namen machte.

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