Grindknight vs. Katharina Zipser: Das Laufduell (Teil 1, Vorbereitung)

13. September 2017, Mittag

Wenn Katharina Zipser, schnellste Österreicherin beim heurigen Vienna City Marathon, glaubt, sie kann mich einschüchtern, dann hat sie ihre Rechnung ohne den Grindknight gemacht. Gerade erklärt mir die drahtige Dreiunddreißigjährige nämlich, dass manche Veranstalter von Laufwettkämpfen die Streckenabmessung sehr genau nehmen, andere eher weniger. Das Decker Team hinter dem kleinen aber feinen Itterer Herbstlauf, welcher, nomen est omen, in Itter im Herbst stattfindet und bei dem sowohl Zipser als auch ich antreten werden, misst anscheinend ganz genau. Dagegen gebe es gewisse Massenläufe, die sich die 10 Kilometer groß auf die Fahnen schreiben, in Wahrheit aber nur neunkommaneunirgendwas lang seien und sich bestenfalls dazu eignen würden, waschlappigen Sonntagsläufern das Gefühl zu geben, einmal in ihrem Leben was ganz Tolles geleistet zu haben. Eine Eliteläuferin wie Zipser rümpft, wenn überhaupt, nur die Nase bei derlei Unprofessionalität.

Im Innersten rümpfe ich die meine. Möchte die Zipser etwa andeuten, ich hätte mir meine hart erkämpften 46 Minuten und 48 Sekunden beim letztjährigen Innsbrucker Stadtlauf – meiner ersten Wettkampfteilnahme überhaupt – nicht ehrlich verdient? Ich hatte damals nämlich tatsächlich das Gefühl, was ganz Tolles geleistet zu haben – allein schon deswegen, weil ich entgegen aller Erwartungen direkt nach dem Zieleinlauf in kein Koma gefallen bin. Außerdem hatte ich auch samstags und manchmal sogar mittwochs trainiert, also von wegen Sonntagsläufer! Will Zipser mir implizit weismachen, ich sei gar keine ganzen 10 Kilometer gelaufen und hätte, wenn dem denn wirklich so gewesen wäre, mindestens 47 Minuten dafür gebraucht? Die Anschuldigung, wenngleich unausgesprochen und vielleicht auch gar nicht vorhanden, fährt jedenfalls durch Mark und Bein. Ich verkneife mir ein Ich-Muss-Doch-Sehr-Bitten! und beschließe, meine Empörung stattdessen im Stillen strategisch für den anstehenden Wettkampf zu nähren. Ohne es zu wissen hat Zipser nämlich soeben ihren ersten großen Fehler begangen und mir die drei Ms geschenkt, die ein Mann zum Siegen braucht: Motivation, Mumm und Motto. Denn ab sofort gilt nur mehr eines: „Zeig’s der Zipser!“

Dabei hatte unser Treffen durchaus harmonisch begonnen. Meiner höflichen Anfrage zu einem Interview beim Griechen um die Ecke hatte die flotte Flitzerin ohne Umschweife zugestimmt. Warum auch nicht? Aus dem Mail, welches ich ihr geschrieben hatte als ich erfuhr, dass an der Uni nur einen Stock über meinem Büro ein waschechter Laufstar rumgurkt, troff so viel Schleim, da hätte selbst ich weiche Knie bekommen, wäre ich ein Selebbriti. Ich sei seit Kurzem auch begeisterter Läufer, wenngleich nur Staub unter Zipsers Füßen, und was für eine Ehre es doch wäre, würde sich eine Halbgöttin wie sie dazu herablassen, mir beim Essen etwas aus ihrem unerschöpflichen Fundus an Laufwissen preiszugeben. Gesülze in der Art halt – Gesülze, das ich damals allerdings durchaus ernst meinte.

Staub unter ihren Füßen, ha! denke ich nun, während ich mit vordergründig höflicher Miene Zipsers Ausführungen zum Thema Trainingsgewohnheiten lausche und dabei zwar meine Gabel ins Mousaka reinhau, das Mousaka aber nicht in meinen Schlund, denn der Appetit ist mir gehörig vergangen. Wir werden ja sehen, ob Zipser eben diesen Staub unter ihren Füßen nächste Woche nicht selbst zu fressen kriegt!

Dass Zipser grad über ihre Trainingsgewohnheiten spricht, kommt mir dabei natürlich sehr entgegen. 150 Kilometer die Woche peitscht sie scheinbar standardmäßig aus sich raus (mein Mousaka kriegt erneut die Gabel zu spüren), was wohl auch erklärt, warum wir uns in fünf Jahren trotz fünfzehn Meter Luftlinienentfernung zueinander nie im Gang über den Weg gelaufen sind. Arbeiten, Laufen, Schlafen, und dann das Ganze wieder von vorn – die drei großen Säulen im Leben der Elite-Athletin. Zeit zu verlieren hat sie nicht nur beim Wettkampf keine. Die Zipsers dieser Welt quatschen eben nicht mit wildfremden Männer am Gang. Denn wer so viele Laufameisen wie sie im Hintern hat und dazu noch mit drei Studientiteln Vollzeit an der Uni Innsbruck tätig ist, der muss Opfer bringen (jawohl, darauf zu verzichten, am Gang mit mir zu quatschen, ist ein Opfer).

Ich entscheide spontan, dass 150 Kilometer pro Woche für mich dann doch a bissi viel sind, aber einschüchtern lasse ich mich von so einem Monsterpensum deswegen lange nicht. Im Gegenteil, mein scharfer Blick stellt fest, dass Zipser die für den menschlichen Körper so wichtigen Regenerationszeiten scheinbar komplett vernachlässigt – ich bin aber viel zu clever, ihr das zu sagen. Training ist ja schön und gut, aber es ist doch längst wissenschaftlich erwiesen, dass auch die fittesten der Fitten hie und da mal abschalten müssen. Zipsers extremer Trainingseifer könnte ihr also beim Itterer Herbstlauf noch in ihren gestählten, ameisenübersäten Hintern beißen. Ich gebe mich jedenfalls beeindruckt von ihrem Fleiß, baue aber für die nächste Woche insgeheim weiterhin auf meinen rigorosen Regenerations-Trainingsplan. Der bewahrt nicht nur meinen Körper vor Überbelastung, sondern ermöglicht es mir auch, endlich mein lang gehegtes James-Bond-Fernsehmarathonprojekt durchzuziehen. Also wenn das nicht unter die Rubrik „Zwei Fliegen mit einer Klappe“ fällt!

Ich stelle Zipser noch ein paar scheinbar harmlose Fragen zu ihren Zielen und sehe genüsslich zu, wie sie unschuldig in meine Falle tappt: Bereitwillig erzählt sie mir nämlich von ihrem Plan, beim Itterer Herbstlauf die 10 Kilometer in 37 Minuten zurückzulegen – obwohl sie erkältet sei und eigentlich gar nicht wisse, ob überhaupt anzutreten wirklich von Vernunft zeuge. Mit diesen Offenbarungen hat Zipser gleich Fehler Nummer Zwei und Drei begangen: Sie hat 2) dem Widersacher einen zeitlichen Richtwert gegeben und 3) ihren eigenen wunden Punkt genannt. Fairerweise muss ich sagen, dass man ihr derlei Amateurhaftigkeit nicht zu sehr verübeln darf, denn ich gestehe, dass ich im lokalen Laufzirkus tatsächlich ein relativer (ok, totaler) No-Name bin. Seit mich vor anderthalb Jahren das Laufvirus erwischte (praktisch über Nacht von Fauler-Sack zu Relativ-Auf-Zack), hab ich zwar mit meinen Karwendellaufteilnahmen 2016 und 2017 (52 Kilometer und 2.300 Höhenmeter) je einen Ultramarathon in einer für Amateure gar nicht so unrespektablen Zeit absolviert (6h50min bzw. 6h46min), sonst allerdings praktisch nix vorzuweisen – meinen Leifers-Trail-Antritt im April diesen Jahres, der nach herzmuskelentzündungsbedingtem Zusammenklappen bei Kilometer 28 im Krankenhaus endete, erwähne ich lieber gar nicht (ups, zu spät!). Aber wie jeder, der Rocky gesehen hat, wissen sollte, können auch Underdogs beißen. Aus ihrer Bereitschaft, frei aus dem Laufnähkästchen zu plaudern schließe ich also, dass Zipser Rocky nicht gesehen hat.

Das Zipser-Resümee schaut jedenfalls, auf dem Papier zumindest, ein klein wenig beeindruckender aus als das meinige, ich geb’s ja zu. Den Lauf in Itter hat sie sowieso schon mal gewonnen, schnellste Österreicherin beim Vienna-City-Marathon hab ich ja schon erwähnt, Mitteldistanz-Gold beim Silvretta-Run heuer hat sie auch in der Tasche, und im Spitzenfeld bei was weiß ich welchen Events sonst noch landet sie ja sowieso immer. Wer unbedingt will kann ja alle Details auf ihrem Blog nutsaboutrunning.com nachlesen – ich für meinen Teil will nicht, sondern betrachte stattdessen das Ergebnis meines Mousaka-Massakers am Teller und beschließe, dass die Zeit für den Abschied (vorerst!) gekommen ist. Ich blicke auf und merke, dass Zipser letzteren Entschluss bereits vor mir gefasst hat; zumindest hat sie schon ihre Jacke an und ist aufgestanden. Ah ja, die Ameisen im Hintern, die hatte ich fast vergessen – aber warte nur Mädel, von denen hab auch ein paar zu bieten!

Zehn Tage Zeit bleiben mir also, mich mental vorzubereiten (James Bond steh mir bei!) auf den Kampf der LauftitanInnen, auf die Stunde, in der die Stunde schlägt für den Kathi-Zipser-Lichtausknipser – die Stunde des Grindknight!

Fortetzung folgt!

Autor: grindknight

Johannes Mahlknecht hat lange Zeit Verschiedenes an verschiedenen Universitäten studiert und nebenbei sogar etwas Vernünftiges gelernt. Reimen etwa. Die Neigung zum humorvollen ebensolchen entwickelte er mit der Erkenntnis, dass Lachen hie und da recht angenehm sein kann. Im Illustrieren ist Mahlknecht auch nicht der Allerschlechteste. Zur ersten Publikation gelangte er mit vier Jahren, nachdem seine Kindergärtnerin einen von ihm ganz alleine gemalten Fisch an die Zeitung schickte, wodurch er sich sozusagen über Nacht als der "Mozart der Malerei" keinen Namen machte.

2 Kommentare zu „Grindknight vs. Katharina Zipser: Das Laufduell (Teil 1, Vorbereitung)“

  1. Reaktionen aus der Schlagzeugerwelt:
    Aufgrund einiger Alliterationen in deinem Text möchte ich mit diesen Zeilen auf deinen Beitrag reagieren und somit den Kampf zwischen Goliath und David beschreiben.

    Bass drum beating thunderously
    Stick hitting Hihat hard
    Floor Tom tom tom
    Snare snare stuttering
    Cymbals roaring and rambling

    But the triangle is trying and is triggered by
    the incomprehensible frenzy of the frantic
    Grindknight.

    Gefällt 1 Person

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