Frankfurter Buchmesse Tag 3.1

Ich lande in der Asien-Europa-Halle – oder war’s Australien-Nordamerika? Egal, es stehen überall jede Menge Bücher rum, soviel ist sicher. Eine Austellungswand im Besonderen weckt, nach einigem ziellosen Rumgeschlendere, meine Aufmerksamkeit. Da sehe ich so an die dreißig Bücher hübsch aufgestellt vor mir, und auf allen vorn drauf, in klassischem Schwarzweiß, ein männliches Gesicht. Eine Buchreihe über die Heroen der Goldenen Ära Hollywoods? Etwas Ahnung davon hätte ich ja; ich wundere mich also, warum ich keinen dieser Typen erkenne. Und wie ähnlich die sich alle sehen!

„Wie kann ich Ihnen helfen?“, ertönt eine sanfte Stimme.

„Ha!“ rufe ich und wische die Schuppen vom Pullover, die mir soeben von den Augen gefallen sind. „Das ist ja immer Derselbe auf all den Büchern!“

„Ah, Sie kennen den Mann?“

„Nun ja, äh…“ Mein Blick wandert auf die Tafel darüber, und ich entziffere, in Riesenlettern, einen Namen: „L. Ron Hubbard.“ Weitere Schuppen fallen.

„Oh! Schon mal was von dem gehört, glaub ich. Das ist doch der mit dem Weltraumteleskopdingsbums, nicht?“

Nicht ganz. Ich verbringe also die nächste halbe Stunde damit, mir von dem Standbetreuer Hubbards Lebensgeschichte anzuhören. Sie zu erzählen scheint dem freundlichen Franzosen ein echtes Anliegen zu sein! Und eins muss man diesem Hubbard auf jeden Fall lassen: faul war der Mann nicht, allein schon wegen der geschätzt einhundertfünfundzwanzigtausend Romane und Kurzgeschichten, die er in seinem Leben scheinbar so ganz nebenbei aus dem Ärmel schüttelte. Würde man alle Bücher, die Hubbard je geschrieben hat, in einer Reihe nebeneinander aufstellen, dann ergäbe das – so will es die Legende – eine ganz schön lange Reihe. Plötzlich vernehme ich ein besonders exotisches Fremdwort – Saiäntollidschi oder so ähnlich – welches die Lippen meines Gegenübers verlässt, und ich wundere mich, was es wohl bedeuten mag. Fragen will ich dann aber doch nicht, aus Angst, meinen Gesprächspartner einer weiteren halben Stunde seiner Zeit zu berauben. Und ein paar andere Stände möchte ich mir ja heute auch noch angucken.

Ich lasse es mir aber nicht nehmen, zum Abschied noch ein Foto mit dem Hubbard-Maskottchen, der „Iron Duke“-Figur aus dem Frühwerk des umtriebigen AutorsPhilosophenAbenteurersWissenschaftlersundWasderdeibelsonstnochs, für meinen Blog schießen zu lassen – ein Wunsch, der mir nach kurzem Zögern gewährt wird. Ob ich im Gegenzug ebenfalls dazu bereit sei, einige Fragen zu beantworten? Nun bin ich mit Zögern dran, aber nachdem ich ja jetzt mein Foto bekommen habe wär’s doch nicht charmant, einfach Nein zu sagen und abzuzischen.

„Okay. Wie möchten Sie denn dieses Interview verwerten?“

„Och, ist nur für interne Zwecke.“

„Gut. Wie lange wird es denn dauern?“

„Och, nicht lange, sind wirklich nur ein paar Fragen. Aber wenn Sie nicht möchten, dann ist das selbstverständlich kein Problem für uns.“

„Nein, nein, das geht schon in Ordnung.“

„Fein, wir haben einen Büroraum angemietet gleich hinten. Mein Kollege wird Sie hinbegleiten, wo wir das Ganze aufzeichnen werden.“

„Oh, nicht hier? Na gut.“

Ich merke bald, dass mit „gleich hinten“ das andere Ende des Messegeländes gemeint ist, welches wir nach fünf Minuten erreichen. Im Büro empfängt uns ein freundlicher Herr post-mittleren Alters, der sogleich damit beginnt, die Kamera flottzumachen. Und wow! Echt tolles Equipment, was die da haben! Das Hubbard’sche Verlagsbusiness scheint zu florieren! Ich werde gebeten mich zu setzen, und der nette Herr knipst eine Satellitenschüssel neben meinem Gesicht an, die sich als eine Art Scheinwerfer entpuppt, und zupft rum an meinen Haaren. Alles kein Problem, denn ist ja auch für mich nicht von Nachteil, im Rampenlicht optisch was her zu machen.

Der Interviewer erklärt mir, dass nur meine Antworten, und nicht die Fragen, zuletzt zusammengeschnitten werden. Ich soll also auf eine Frage wie etwa „Wie gefällt Ihnen Frankfurt?“ mit einem ganzen Satz antworten, um für später eine gewisse Kohärenz zu gewährleisten.

„Das schaffe ich“, sage ich. „Äh, wie lange haben Sie nochmal gesagt wird das Interview dauern?“

„Och, nicht lange, so zwanzig Minuten oder so. Also los geht’s: Wie lauten bitte Ihr Name und Titel?“

Bei aller Höflichkeit, mit der man mir links, rechts, vorn und hinten begegnet, wird mir plötzlich etwas flau im Magen. Was ist denn heute nur los mit mir?

„Oh, ich dachte, das Interview sei anonym.“

„Nein, keine Sorge, wir brauchen die Daten nur für das Formular, das wir Sie am Ende bitten werden zu unterschreiben. Und wie gesagt, wir können jederzeit aufhören, sobald Sie sich nicht wohl fühlen.“

„Da bin ich jetzt aber froh, dass Sie das sagen, denn wie’s der Zufall will fühle ich mich genau jetzt nicht wohl.“

Ich erhebe mich, schüttle Hände und entschuldige mich dafür, die wertvolle Zeit der Herrschaften vergeudet zu haben. Die Herrschaften entschuldigen sich ihrerseits dafür, mir offensichtlich, aber absolut unbeabsichtigterweise, das Gefühl gegeben zu haben, in etwas hineingedrängt worden zu sein, was, wie ich beteure, durchaus nicht der Fall sei, da ich ja immer die Wahl hatte – und eiligst enteile ich.

Ach, du Dummerchen! schelte ich mich draußen selbst. Was du dir wieder einbildest! Denn trotz der absoluten Harmlosigkeit dieser Episode (wie freundlich Hubbard doch von allen dreißig Buchumschlägen auf mich herabgelächelt hat!) werde ich fast eine ganze Stunde lang das seltsame Gefühl nicht los, einem gewissen Etwas nur knapp entronnen zu sein.

Ob etwa ein Teil des Innersten meines Geistes in diesem Büroraum zurückgeblieben ist? Herausgesaugt von dem Scheinwerferdings vielleicht? Ach sei doch nicht albern! sage ich mir und schüttle den Kopf. Aber der Drang, schleunigst Hubbards Sci-fi-Epos Battlefield Earth zu lesen, begleitet mich noch ein ganzes Weilchen beim Herumirren durch die Hallen, und erst schrittweise hält so etwas wie Vernunft wieder Einkehr in meine Seele. Mann spinn ich, Battlefield Earth ist über tausend Seiten lang! Vielleicht tut’s ja auch die Verfilmung mit John Travolta. Oder zumindest der Trailer…

Ich blicke mich um und stelle fest, dass ich wieder „zuhause“ bin, nämlich in meiner geliebten Halle Dreipunktnull. Ein angenehmes Gefühl! Mit einem Schlag finde ich wieder zurück in meine gewohnte Rolle als Visitenkartenjäger und –sammler. Vielleicht finde ich vor meinem endgültigen Abschied von der Messe ja noch das eine oder andere Opfer, das sich von mir zum Thema KinderbuchslashKrimi bereitwillig anpöbeln lässt…

Fortsetzung folgt!

Autor: grindknight

Johannes Mahlknecht hat lange Zeit Verschiedenes an verschiedenen Universitäten studiert und nebenbei sogar etwas Vernünftiges gelernt. Reimen etwa. Die Neigung zum humorvollen ebensolchen entwickelte er mit der Erkenntnis, dass Lachen hie und da recht angenehm sein kann. Im Illustrieren ist Mahlknecht auch nicht der Allerschlechteste. Zur ersten Publikation gelangte er mit vier Jahren, nachdem seine Kindergärtnerin einen von ihm ganz alleine gemalten Fisch an die Zeitung schickte, wodurch er sich sozusagen über Nacht als der "Mozart der Malerei" keinen Namen machte.

4 Kommentare zu „Frankfurter Buchmesse Tag 3.1“

  1. Wieso erinnert mich dein Abenteuer mit den freundlichen Herren an die Telefonate, die ich in letzter zeit von einer freundlichen Dame bekomme, die mir versichert, dass wenn ich einen Euro pro Tag zahle, ich bei diversen Gewinnspielen absahnen werde. Irgendwie werden aus 2 Minuten dann immer 10. Der Einsteiger ist immer:…Ich bin heute ihre persönliche Glücksfee, was auch etwas Saiäntollodschi-mäßiges hat.

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    1. Einen Euro pro Tag? Das sind ja schlappe 30 Euro im Monat, und im Februar ohne Schaltjahr überhaupt nur 28! Außerdem würde sich die Dame wohl kaum „Glücksfee“ nennen, ohne auch in echt eine zu sein. Das wäre dann ja glatt gelogen! Absurd! Also lieber Ulli, ich denke du weißt, was du tun musst…

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