Frankfurter Buchmesse Tag 2.2, Tag 3

Es ist Messeschluss, das heißt also nichts wie zurück ins Five Elements Hostel zum Auftanken. An der Lobbybar lungern diverse Typen rum, einer relaxter als der andere und fast alle mit zwei Bier vor der Nase (bis acht ist Happy Hour – nimm zwei zahl eins – aber ich Depp raff das logisch erst am dritten Abend). Viele sind hier wegen der Messe und alle lassen sich ganz easy anquatschen. Stefan Engeseth etwa will in Frankfurt für das Nachfolgeprojekt zu seinem Buch Sharkonomics (ein Hit in Asien, in Europa weniger) einen Agenten finden, um über diesen an einen Verlag zu kommen. In Sharkonomics erklärt der smarte Schwede jedem Noch-Nicht-Millionär, wie man die Beobachtung der Lebensweise von Haifischen für sein Business nutzbar machen kann. Attackiere wie ein Hai und scheffle Kohle! Das Konzept klingt genau so subtil wie ich’s haben will, darum ab mit Sharkononomics in den Amazon-Warenkorb und Kaufen geklickt! Signieren ist leider nicht drin, denn Engeseth hat nur ein einziges Exemplar mit, das er selber braucht – hauptsächlich für Selfies mit Fans. (Ha, vielleicht kann ich Engeseth ja noch eine Lektion in effizienter Businessplanung beibringen! Anders als er habe ich nämlich extra 25 Exemplare Nicht nur Nonsens mitgeschleppt. Allerdings verschenk ich die alle links und rechts, denn kaufen will sie ja keiner. Ist zunächst für mich wohl doch besser: Klappe halten und Sharkonomics lesen).

Meinen indischen Zimmerbuddy Arup hab ich ja schon früher vorgestellt, und wir beide beschließen, gemeinsam mit dem Anwalt Dennis (scheinbar einer der wenigen, die nicht wegen der Messe hier sind) und dem Kinderbuchverleger Tang heute Nacht Frankfurt unsicher zu machen – bis wir merken, dass Frankfurt auch ohne uns schon unsicher genug ist. Das Hostel befindet sich nämlich im rotlichtigsten Bereich des berühmten Frankfurter Bahnhofsviertels, dem, wie mir Dennis erklärt, in Sachen Hemmschwellenminimierung in ganz Deutschland nur (wenn überhaupt) Hamburgs Reeperbahn das Wasser reichen kann. Zwielichtige Gestalten gibt’s an jeder Ecke, und heute liefern sich einige von ihnen sogar eine ordentliche Prügelei inklusive Gebrülle, Gestoße, Flaschengewerfe und Polizeieinsatz, und das direkt vor unserem Hostel! Freie Sicht für alle durch die Riesenglasfenster, und für das ganze Spektakel verlangen sie nicht mal einen Aufpreis! Das Five Elements rockt!

Wir vier gehn’s also dann doch lieber gemütlich an und entscheiden uns für ein paar Bier und einen lockeren Nachtspaziergang über den Main hinein ins historische Zentrum Frankfurts. Die Stadt hat tatsächlich mehr zu bieten als diese eine lausige Buchmesse im Jahr! Und erwähnte ich übrigens nicht grad, dass wir mit Tang einen Kinderbuchverleger in unserer Truppe haben? Na wenn das keine Gelegenheit für mich ist, Privates und Berufliches zu kombinieren und einen potentiell lukrativen Geschäftskontakt herzustellen! Dass es sich bei Tangs Unternehmen um einen vietnamesischen Verlag handelt, stört dabei kein bisschen. Ich habe mittlerweile mehrfach gehört, dass der asiatische Markt oft für Ideen offen ist, die Europa ablehnt. Und die Sprache der Bilder ist ja universell! Was dann doch einigermaßen stört ist allerdings die Tatsache, dass Tang nur vietnamesisch spricht. Zumindest beantwortet er jede meiner Frage mit einem fröhlichen „Goodgood“ bzw. einem ebenso fröhlichen „Okayokay“. Der Deal platzt also, bevor er formuliert werden kann. Aber was soll’s, Facebookfreunde sind wir trotzdem geworden, und einen Vietnamesischkurs kann ich ja immer noch besuchen!

Heut Morgen heißt’s dann früh raus aus den Federn, damit ich ja nicht meinen Termin bei der Illustratorenorganisation im Illustrator’s Corner von Halle drei nicht verpasse. Die werfen nämlich einen Gratisblick in mein Portfolio und geben wertvolle Tipps, wie blutige Anfänger à la moi sich besser präsentieren können. Dass meine losen, kaffeebefleckten Zettel ohne jegliche Folierung relativ erbärmlich aussehen, hab ich mittlerweile selbst verstanden. Ich nicke also nur verlegen, als mir Profiillustratoren Maria Karipidou und Thomas Maritschke den höflichen Rat geben, doch bitte die paar Euro für eine ordentliche Portfoliomappe auszugeben. Mehr Struktur in meiner Bildauswahl sei auch wünschenswert, also nicht einfach querbeet mit verschiedenen Stilvariationen prahlen (mal schwarzweiß, mal Farbe, mal detailliert, mal wieder simpel); und wenn ich schon auf der Kinderbuchschiene unterwegs bin, dann hat mein Caveman gefälligst aus dem Portfolio zu verschwinden, denn der kann ja noch Erwachsenen eine Scheißangst einjagen! „Aber ich mag meinen Caveman“, will ich protestieren, verkneif‘s mir aber. Die beiden haben ja recht – nach dem gängigen Motto „kill your darlings“ werde ich wohl oder übel und mit Tränen in den Augen meinen geliebten Steinzeitmenschen aus dem Portfolio rauskicken müssen. Außerdem soll ich, so der weise Rat, auf jeden Fall meine Schreibambition mit in den Vordergrund rücken und nicht nur nette Bildchen herzeigen, wie ich es bisher getan habe. Wenn ich schon einen Gedichtband veröffentlicht habe, dann raus damit! Schreibende Illustratoren bzw. illustrierende Schreiber sind durchaus begehrt, denn von denen gibt’s scheinbar gar nicht mal so viele.

InkedUnleash the Caveman_LI

Neben einer Tasse Kaffee gibt’s noch weitere ermutigende Worte von Frau Karipidou und Herrn Maritschke (mit meinem grundsätzlichen Zeichenstil soll ich einfach weitermachen, denn irgendwas kann man damit durchaus finden – nur nicht locker lassen!) und ich verlasse gestärkt den Illustrator’s Corner und beschließe, am heutigen letzten Tag meines Messebesuchs (Tag vier ist Abreise) weitere Illustratorensprechstunden sausen zu lassen und nur noch durch die Hallen zu spazieren, um bei interessanten Verlagsständen Visitenkarten zu sammeln bzw. zu deponieren.

Ein Besuch beim Universitätsverlag Winter ist noch auf meiner Liste, und das, obwohl der weder Krimis noch Kinderbücher noch Erotik für Frauen im Programm hat, sondern – erraten! – Werke eher akademischer Natur. Bei Winter habe ich nämlich meine Dissertation publiziert und betreue mit drei meiner Universitätskollegen bzw. –kollegin als Co-Herausgeber die Buchreihe „Film and Television Studies“. Es freut mich auch, mein eigenes Buch Writing on the Edge – Paratexts in Narrative Cinema im Messeregal zu entdecken, und es stört mich im Moment gar nicht so sehr, das Edge im Rennen um den besten Platz auf den Bestsellerlisten Stephen King’s neuestem Reißer derzeit noch etwas hinterherhinkt. Am meisten freut es mich aber, endlich Verlagsmitarbeiter Dirk Hoffmann persönlich kennenzulernen, mit dem ich bisher nur per Telefon und Email Kontakt pflegte. Wir trinken Kaffee und unterhalten uns über unsere Buchreihe (vier Bücher sind raus, mehr sollen’s werden) und über die Krise der Wissenschaftsverlage (wenn Bibliotheken alles nur mehr digital wollen und gratis vervielfältigen können, wer braucht dann noch Bücher, die auf dem Markt sonst eh kaum wer kauft?). Bevor ich mich verabschiede und ein obligatorisches Nicht nur Nonsens hinterlasse, erbitte ich noch Rat darüber, wie ich am besten ins Verlagswesen (quer-)einsteigen könnte. Das Zauberwort, so Hoffmann, lautet „Praktikum,“ und er deutet auf die junge Dame, die den Stand mitbetreut und ein ebensolches gerade bei Winter absolviert. Na toll! Vor zehn Jahren wäre so ein Hungerlohnstart noch zu überlegen gewesen, aber mit mittlerweile Frau und zwei Kindern ist er für mich jetzt dann doch nicht mehr der gangbarste aller Wege. Denn wie man in Österreich so treffend zu sagen pflegt: „Ohne Göd koa Musi!“

InkedIMG_3761_LI

 

Mit einem herzlichen, gegenseitigen „Adios“ trennen sich unsere Wege wieder, und ich beschließe, mir heute die Hallen mit den internationalen Verlagen etwas anzuschauen, um zum Schluss nochmal in meiner Stammhalle, der Dreipunktnull (Kinderbuch, Belletristik), eine Ehrenabschiedsrunde zu drehen.

Und interessante Begegnungen gibt es in der Tat auch bei den Internationals. Denn mein Schimmer davon, dass ich mich in der noch unbekannten Messehalle, die ich soeben betrete, bald einer ebenso unbekannten, ja bedrohlichen Macht stellen muss, könnte zu diesem Zeitpunkt blasser nicht sein. Doch mehr dazu, wenn es das nächste Mal heißt: Grindknight bloggt!

Fortsetzung folgt!

Autor: grindknight

Johannes Mahlknecht hat lange Zeit Verschiedenes an verschiedenen Universitäten studiert und nebenbei sogar etwas Vernünftiges gelernt. Reimen etwa. Die Neigung zum humorvollen ebensolchen entwickelte er mit der Erkenntnis, dass Lachen hie und da recht angenehm sein kann. Im Illustrieren ist Mahlknecht auch nicht der Allerschlechteste. Zur ersten Publikation gelangte er mit vier Jahren, nachdem seine Kindergärtnerin einen von ihm ganz alleine gemalten Fisch an die Zeitung schickte, wodurch er sich sozusagen über Nacht als der "Mozart der Malerei" keinen Namen machte.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s