Frankurter Buchmesse Tag 2.1

Wie schön es doch ist, wenn sich der scheinbar „schwerste Gang“ (die Kindle-Storyteller-Award-Verleihung) letztlich zum leichtesten entwickelt. Eine feine Veranstaltung draußen im Zelt mit netter Einführung durch TV-Moderatorin Nazan Eckes und den Rest der Jurorentruppe, fröhliche Finalistengesichter auf allen Seiten und zwei strahlende Gewinner: Mira Valentin mit ihrem Roman Der Mitreiser und die Überfliegerin (Hauptpreis) und Toralf Sperschneider mit dem seinen: Kleine Kreise. EGOismen (Storyteller-X-Award für die mutigste, „ungewöhnliche“ Neuveröffentlichung). Da kann man sich nur mitfreuen! Bei der Signierstunde im Anschluss an die Verleihung schnappe ich mir gleich alle acht Finalistenexemplare, und ein Selfie mit Mira Valentin ist auch noch drin. Herz, was willst du mehr? (Das Teufelchen auf meiner Schulter ruft, noch bevor ich es mit dem Finger wegschnippen kann: „Na zum Beispiel den Storyteller-Award, du Depp!“). Da die signierten Bücher allesamt gratis sind, denk ich mir, kann ich doch was zurückgeben, indem ich ebenfalls für jeden und jede je ein signiertes Nicht nur Nonsens-Exemplar liegen lasse – was ich auch  prompt tue. Ob es die Herrschaften haben wollen? Flugs husche ich zurück in Halle drei, um es nicht herausfinden zu müssen.

Und wieder ist Anstehen bei Illustratorensprechstunden angesagt. Jetzt ist HABA an der Reihe, die hauptsächlich Spielzeug produzieren, aber eben auch Kinderbücher. Ich bin so früh da, dass ich als Erster drankomme und mein mittlerweile recht zerknittertes Portfolio auf den Tisch klatschen darf (mentale Notiz für die nächste Messe: eine Profi-Portfoliotasche kaufen, wie sie die meisten hier herumtragen; meine lose Zettelwirtschaft ist echt peinlich!). Und siehe da, ein Erfolgserlebnis! Das Fazit der Lektorin lautet nämlich (grob zusammengefasst und etwas frei interpretiert): „Alles Schrott, aber das eine Bild mit dem Biber da ist ganz schnuckelig. Mehr davon und wir reden weiter.“

Wie auf Wolken verlasse ich den Stand. HABA mag meinen Biber! Ich entscheide auf der Stelle: Ich mag HABA! Jetzt nur noch überlegen, wann und wie ich bis morgen ca. 237 Biberbilder zeichne, um damit HABAs Emailkonto zu crashen. Dass kurz darauf der NordSüd-Verlag, der mit Torben Kuhlmann den momentan wohl hellsten Stern am Kinderbuch-Illustratorenhimmel unter Vertrag hat, mich kopfschüttelnd und mit einem knappen „Bei uns passen sie nicht rein“ wieder auf die Straße schickt, schmerzt mich da nur mehr wenig. It’s HABA-Biber-time!

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Aber bei allem Illustrierwahn darf ich ja meine Schreibambitionen nicht vergessen! Hab ja schließlich noch ein paar Seiten Rohmanuskript meines Krimikomödienknüllers in petto. Aber wie bringt man die bei einer Messe an? Hmmm, da hab ich glatt nicht drüber nachgedacht. Die werden kaum Lektoren da haben, die sich vor meiner Nase zig Seiten durchlesen und dann sagen: „Fantastisch, bitte hier Vertrag unterschreiben.“ Ich geh also einfach mal wahllos zu irgendeinem Verlagsstand (Krimis rausbringen tun eh alle) und frage blöd. Und tatsächlich: Ein No-Name-Autor mit Manuskript in der Tasche und sonst nichts möge sich, so die Kernaussage der Antwort, gefälligst verzupfen. Also verzupfe ich mich (vom  Stand, nicht von der Messe, wohlgemerkt). Immerhin krieg ich beim Innsbrucker Haymon Verlag die Gelegenheit, kurz mit deren offiziellen Krimilektorin zu quatschen, die mir sogar noch ihre Visitenkarte in die Hand drückt. Meine Probekapitel liest sie zwar erwartungsgemäß nicht, aber das ist auch halb so wild, denn ich hab sie ohnehin im Hostel liegen lassen. 

Ich schlendere weiter durch die Gänge, verstreu hie und da ein paar Visitenkarten und unterhalte mich eine ganze Weile mit Gisela Kalow vom Kuse-Verlag, die ihre Kinderbücher praktisch im Alleingang und fern jedes Amazon- und eBookwahns schreibt, illustriert und verkauft. Seit den frühen Siebzigern ist die elegante Ostfriesin im Buchbusiness und erzählt mir vom goldenen Zeitalter vor dem globalen Online-Overkill. Ihr wunderschönes Kinderbuch Mondbärchen schnappe ich mir sogleich für meine beiden Söhne und lass es signieren, und krieg obendrein noch eine schicke Widmung plus Originalzeichnung sowie eine Tasse Ostfrieslandtee, von Frau Kalow höchstpersönlich serviert. Der Kuse-Stand fühlt sich an wie eine Oase der Ruhe inmitten der wildesten FBM-Giga-Hektik.

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Aber es hilft nichts, früher oder später muss ich zurück ins Getümmel; ich ziehe also weiter. Plötzlich schießt mir aus dem Nichts ein furchtbarer Gedanke durchs Hirn, der meinen unerschütterlichen Optimismus erschüttert. Was, wenn alles nichts wird? Kein Illustrationsauftrag, kein Kinderbuch, kein Krimi, und auch keine Verkäufe wenn self-published (sowohl BoD, Twentysix und Amazon haben da an sich gar nicht unattraktive Angebote auf Lager)? Was dann? Wie angewurzelt bleib ich stehen, und zwar genau vorm Stand von Plaisir d’Amour – ein Verlag, der sich, nomen est omen, auf erotische Liebesromane exklusiv für Frauen spezialisiert. Ein Wink des Schicksals?

„Wie schicke ich Ihnen am besten meinen Manuskriptentwurf?“ frage ich die Standbetreuerin.

„Ah, sie schreiben Erotik?“

„Ich mach den ganzen Tag nichts anderes.“

„Sehr schön. Aber sorry, Sie sind ein Mann.“

Da Leugnen diesbezüglich zwecklos ist (nicht mal rasiert hab ich mich heut Morgen, Mist!), lasse ich mir zerknirscht erklären, dass Plaisir d’Amour nicht nur Erotik exklusiv für, sondern auch exklusiv von Frauen publiziert. Ich plane, mit sichtbar pikierter Miene und hörbar empörtem „Hrmpf!“ hinfortzumarschieren, aber das Cover von Emma Snows Erstlingswerk Teach Me! Sexy Secrets of an Escort im Regal vor mir zieht mich auf mysteriöse Art in seinen Bann. „Kauf mich“, scheint es mir zuzurufen, und als dann Emma Snow auch noch höchstselbst erscheint, kann ich nur mehr gehorchen. Sie signiert, und ein kurzer Blick ins Buch, der mir die Schamesröte ins Gesicht treibt, lässt mich erkennen: für derart heiße Sex-Stories fehlen mir Talent, Know-How und Erfahrung. Mit dem Schicksal hadern bringt da nichts: Für mich kommen wohl weiterhin nur Mord und Totschlag in Frage…

Fortsetzung folgt!

Autor: grindknight

Johannes Mahlknecht hat lange Zeit Verschiedenes an verschiedenen Universitäten studiert und nebenbei sogar etwas Vernünftiges gelernt. Reimen etwa. Die Neigung zum humorvollen ebensolchen entwickelte er mit der Erkenntnis, dass Lachen hie und da recht angenehm sein kann. Im Illustrieren ist Mahlknecht auch nicht der Allerschlechteste. Zur ersten Publikation gelangte er mit vier Jahren, nachdem seine Kindergärtnerin einen von ihm ganz alleine gemalten Fisch an die Zeitung schickte, wodurch er sich sozusagen über Nacht als der "Mozart der Malerei" keinen Namen machte.

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