Frankfurter Buchmesse Tag 1

7:16, HAUPTQUARTIER

Billige Absteigen haben in der Tat was für sich, denn kaum hatte ich meine neue Behausung betreten, konnte ich auch schon meine erste Visitenkarte loswerden: einer meiner Zimmergenossen ist hier, um bei der Buchmesse eine indische (oder thailändische) Firma zu vertreten, die Verlagen alle möglichen digitalen Dienste bei der Vorbereitung zum druckfertigen Buch und bei der Umgestaltung von Print- auf eBook anbietet. So ungefähr habe ich’s jedenfalls verstanden. Der freundliche Inder namens Arup zeigt mir auch prompt seinen Terminkalender: 60 Termine bei sechzig Ständen in vier Tagen. Sieht ganz schön voll aus, das Teil. 

Wie denn mein Plan aussehe, fragt er mich unschuldig: „Ähm, nun ja, mal hingehen und schauen, wo ich wie rankomme,“ antworte ich etwas verlegen und oute mich damit ab Stunde Null als blutiges Buchmesse-Greenhorn. Meine mit der Aura von Professionalität nachgeschossene Frage, „Um wieviel Uhr eröffnen die denn morgen?“ kann da auch nichts mehr retten. Jedenfalls gibt mir Arup neben seiner Visitenkarte noch ein paar bemitleidend-hilfreiche Tipps, die sich auch bestens in meinen work-in-progress-Schlachtplan integrieren lassen: folge der 80-20 Regel, also hau hundert Verlage an, von denen dann (vielleicht!) zwanzig Interesse zeigen, das Interesse von zehn eventuell länger bestehen bleibt, und 5 nach einigem Verhandeln auch tatsächlich meine Klienten werden könnten (wenn Arup „Klienten“ sagt, heißt das für mich: dass ein Verlag mein Manuskript unter Vertrag nimmt, bzw. mich als Illustrator für eins seiner Projekte anheuert). 

 „Oh, ich bin schon mehr als happy, wenn ich nach vier Tagen nur einen ‚Klienten‘ an Land ziehe“ sage ich. 

„You will get it,“ sagt Arup mit wunderbarem anglo-indischen Akzent. Schönere Worte gibt es nicht.

Jetzt schnell frühstücken in der Hostel-Lobby (die Herberge ist übrigens sehr nett, mehr Leute im Zimmer helfen gegen Einsamkeit und Duschen und WCs am Gang sind absolut sauber – von wegen Küchenschaben!), dann Tasche mit Eigenwerbematerial schnappen und los geht’s! Meine Design-T-Shirts spare ich mir übrigens für morgen bzw. übermorgen auf – heute ist schickes blaues Hemd angesagt!

 

15:20, ILLUSTRATOREN-SPRECHSTUNDE GERSTENBERG, WARTESCHLANGE

Boah kann das dauern, bis man da an die Reihe kommt! Bei ArsEdition und Ravensburger ging’s noch recht fließbandmäßig (für ArsEdition „passt mein Illustrationsstil nicht ins Programm“ – ein Standardsatz, den ich bei meinen vergangenen Manuskripteinsendungen zigfach lesen musste; für Ravensburger sind meine Illustrationen zu „speziell“ bzw. zu „alt/erwachsen“. Nicht, dass ich mir das nicht ohnehin gedacht hätte, aber Ravensburger ist halt Ravensburger und wenn die sich schon mal dein Opus Magnum live anschauen und kommentieren, dann marschiert man, wenn man ein halbes Hirn sein Eigen nennt, nicht einfach so vorbei). Gerstenberg hat mein Kinderbuchmanuskript „Schildkröten!!“ übrigens schon vor ca. ’nem halben Jahr höflich aber entschieden abgelehnt, aber vielleicht ist

a) heute eine andere Lektorin da

b) die gleiche Lektorin da, die aber damals vor ihrer Absage nur was Falsches gefrühstückt hatte und heute nicht, oder

c) die gleiche Lektorin da, die mich mittlerweile vergessen hat und mich heute einfach nur toll findet (ich erinnere an mein bereits erwähntes schickes blaues Hemd).

Aber wie dem auch sei, Gerstenberg ist halt Gerstenberg etc. Die haben immerhin „Die kleine Raupe Nimmersatt“ im Programm, da gibt’s weiß Gott weniger berühmte Werke – meine etwa.

So, noch sieben Illustratoren und Illustratorinnen vor mir. Es geht also doch was weiter, nur halt laaangsaaam!

Mist! Ich sehe gerade, die Illustratorin, die grad am Sprechstundentisch sitzt, kriegt von der Lektorin eine Visitenkarte überreicht. Ihr Werk dürfte also interessant sein. Und wenn ich so in die Portfolios der Leute vor und hinter mir reinschiele sehn die allesamt auch gar nicht übel aus. Doppelmist!

Aaargh! Die nächste Illustratorin am Sprechstundentisch vorne lacht gerade strahlend. Hat die grad einen Sofortvertrag eingeheimst? Vielleicht streut Gerstenberg Rosen für alle, und nur ich bin miserabel und werd rausgekickt. Aber nicht den Mut verlieren, noch bin ich ja noch nicht mal drangekommen. Immer schön positiv bleiben…

 

Fünf Minuten später

Ich bin miserabel! Mein Stil ist für Gerstenberg nicht einheitlich genug, und ins Programm passt er sowieso nicht. Ob ich denn Illustration studiert habe? Nochmal Mist, hab ich nämlich nicht. Jetzt steh ich noch bei Carlsen an (die mich auch schon mal abgelehnt haben – vielleicht such ich als nächstes einen Verlag, der mir noch keine Abfuhr erteilt hat, aber derer Zahl schwindet), und danach Schluss mit Sprechstunden für heute. Dann nur noch ein bisschen rumspazieren und vielleicht mehr oder weniger wahllos ein paar Verleger belästigen, um mein Tageskontingent an Visitenkarten loszuwerden (es müssen 25 pro Tag sein, wenn ich mich aller hundert in vier Tagen entledigen will – und ich will!).

Fortsetzung folgt!

Autor: grindknight

Johannes Mahlknecht hat lange Zeit Verschiedenes an verschiedenen Universitäten studiert und nebenbei sogar etwas Vernünftiges gelernt. Reimen etwa. Die Neigung zum humorvollen ebensolchen entwickelte er mit der Erkenntnis, dass Lachen hie und da recht angenehm sein kann. Im Illustrieren ist Mahlknecht auch nicht der Allerschlechteste. Zur ersten Publikation gelangte er mit vier Jahren, nachdem seine Kindergärtnerin einen von ihm ganz alleine gemalten Fisch an die Zeitung schickte, wodurch er sich sozusagen über Nacht als der "Mozart der Malerei" keinen Namen machte.

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